Coworking mit Kind

 

Familie und Karriere – es wird besser, aber es ist noch immer schwierig.

 

Eine Sache, die sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat, ist das Alter, mit dem Kinder gewöhnlich in die Kita gehen. Während früher das Kind meist die ersten drei Jahre zu Hause behalten wurde, werden sie nun in der Regel bereits mit einem Jahr in die Betreuung gegeben.

 

Die Gründe sind verschiedene.

 

Zum einen können es sich viele nicht leisten, länger der Arbeit fern zu bleiben. Andererseits gibt es mindestens genauso viele, die einfach nicht für den Vollzeit-Mama- oder -Papa-Job gemacht und daher sehr froh über die Rückkehr zur Arbeit sind.

 

Das macht es nicht unbedingt leichter, sein Kind in fremde Hände zu geben. Gerade unter Zweijährige haben oft noch einen erhöhten Bedarf an Körperkontakt. Nicht selten sind sie sehr eng mit Mama oder Papa verbunden und noch nicht bereit, die weite Welt alleine zu erkunden.

 

Oft schneidet es einem daher bei der Eingewöhnung der Kita tief ins Herz, wenn man gehen und ein weinendes Kind zurücklassen muss. Auch bei einer langsamen Eingewöhnung. Auch, wenn man weiß (oder hofft), dass sein Kind bereits nach wenigen Minuten mit den anderen Kindern fröhlich spielen wird.

 

Es tut weh.

 

Von dem daraus resultierendem schlechten Gewissen mal ganz abgesehen.

 

Umso erfreulicher ist die Entwicklung, dass nun verschiedene Coworking Spaces Kinderbetreuung anbieten.

 

Hier ist es möglich, in Ruhe zu arbeiten, während das Kind nebenan betreut wird. Bei Bedarf kann man jederzeit ein paar Schritte hinübergehen. Gerade für diejenigen, die noch stillen, dürfte dies interessant sein. Außerdem gibt es oft Zeiten wie das Mittagessen, die gemeinsam verbracht werden.

 

Die Trennung von Arbeit und Familie ist nicht mehr so stringent. Es ist vielmehr eine Integration beider Welten.

 

Die Lücke schließt sich.

 

Es gibt in Deutschland bereits einige Coworking Spaces, die auf unterschiedliche Weisen Kinderbetreuung offerieren. Dabei kann besonders zwischen zwei Ansätzen gewählt werden:

 

Es gibt Coworking Spaces, die eine feste Betreuung von sich aus anbieten. Das bedeutet, dass man einfach kommen und in Ruhe arbeiten kann, während sich angestellte Erzieher um die Kinder kümmern. Das Mittagessen wird oft gemeinsam eingenommen, aber ansonsten verbringen Kinder und Eltern zu großen Teilen den Arbeitstag getrennt.
In diesen Spaces ist es meist auch möglich, nur ab und an oder sogar ohne Kind vorbei zu kommen.

 

Und dann gibt es noch die Coworking Spaces, die meist aus einer Elterninitiative heraus entstanden sind. Hier bilden die Eltern eine Gemeinschaft, bei der sich abwechselnd um die Kinder gekümmert wird, manchmal unterstützt durch eine Hilfskraft. Besonders die “Rockzipfel” bieten diese Art “Bürogemeinschaft” in vielen Städten an. Weil sich hier alles verstärkt um die Gemeinschaft dreht, ist es schwerlich möglich, spontan oder ohne Kind zum Arbeiten zu kommen.

 

Im folgenden findest du eine Liste der verschiedenen Coworking Spaces nach Städten sortiert:

 

Berlin

 

Coworking Toddler

 

Coworking Toddler nennt sich “Deutschlands erstes Coworking Space mit Kita”. Anders als bei einigen anderen Spaces ist hier tatsächlich möglich, einen Kita-Gutschein bei der Stadt zu beantragen und damit einen Teil der Kosten erstattet zu bekommen. Ab August kommenden Jahres wird die Betreuung dann gänzlich kostenfrei, da in Berlin die Kita-Gebühren abgeschafft werden.
Die Betreuung wird nach einem besonderen pädagogischen Konzept in festen altersgemischten Gruppen von staatlich anerkannten Erziehern ausgeübt.
Das gemeinsame Mittagessen ist ein fester Bestandteil, der geschätzt wird.
Flexibilität wird ansonsten groß geschrieben – so ist es z.B. möglich, dass sich Elternpaare einen Arbeitsplatz teilen. Wer also nur teilweise im Home-Office arbeitet, ist hier genauso gut aufgehoben, wie diejenigen, die selbständig arbeiten – oder auch einfach nur einem Hobby nachgehen wollen.

 

juggleHUB

 

Anders als beim Coworking Toddler und ebenso wie in allen folgenden Spaces handelt es sich bei der Kinderbetreuung im juggleHUB nicht um eine Kita. Die Betreuung muss privat aufgebracht werden, kann aber zu einem großen Teil von der Steuer abgesetzt werden.
Die Betreuung funktioniert auch dann wunderbar, wenn man kurzfristig sein Kind unterbringen möchte – einfach bis um 16 Uhr am Vortag reservieren.
Es gibt neben einem Eltern-Kind-Büro auch einen Schlafraum, der genutzt werden kann.
Selbstverständlich ist es auch möglich, ohne Kind zum Arbeiten zu kommen.

 

Easy Busy Space

 

Easy Busy Space ist in erster Linie ein normales Coworking Space. In einem separaten Raum können Kinder von 8 Monaten bis 6 Jahren betreut werden lassen. Dazu gibt es einen Außenbereich.
Die Betreuung ist nur von 9:00 Uhr bis 12:00 gegeben.

 

Hamburg

 

Rockzipfel Hamburg

 

“Raus aus der Isolation. Bei uns kannst du Leute treffen, bei Kaffee oder Tee quatschen oder einfach entspannen, während dein Kind soziale Kontakte knüpft. Du mußt bei uns nicht arbeiten, bring dein Hobby mit!” schreibt Rockzipfel Hamburg auf ihrer Webseite und treffen damit einen Nerv junger Eltern. Natürlich wird hier aber auch stark an spannenden Projekten gearbeitet.

 

Die Betreuung der Kinder wird unter den Eltern aufgeteilt, das Mittagessen zusammen gekocht und gegessen.

 

München

 

Rockzipfel München

 

Hier ist die Betreuung von den Eltern selbst organisiert, d.h. jeder ist für einen Teil der Zeit für die Kinder verantwortlich. Sie selbst bezeichnen sich als “Spielgruppe, bei der die Eltern abwechselnd arbeiten können”.
Für die Kinder gibt es neben freiem Spiel auch Thementage, bei denen sich z.B. besonders mit Musik, Wasser oder Theater beschäftigt wird. Darüber hinaus werden Montessori Materialien bereitgestellt.
Nach Absprache kocht ein Elternteil für alle, gegessen wird gemeinsam.

 

Dresden

 

Rockzipfel Dresden

 

Auch hier wird, wie bei allen Rockzipfeln die Betreuung durch die Eltern selbst gewährleistet – unterstützt zur Zeit von einer BFDlerin (Bundesfreiwilligendienst), um den Schlüssel so niedrig wie möglich zu halten.
Kurzfristig dabei zu sein geht hier jedoch nicht, da “das Konzept auf Bindung/Beziehung beruht”, wie Julia Drommer schreibt. Sie meint weiter: “Normalerweise lassen sich Kinder, die eine Person nur kurz kennen – noch dazu in einer fremden Umgebung mit fremden Menschen – nicht von Fremden betreuen. Die Eltern kämen also nicht zum Arbeiten. Deswegen haben wir feste Plätze und lassen die Nutzer auch 2 Wochen kostenlos Schnuppern.”

 

Leipzig

 

Rockzipfel Leipzig

 

Das Rockzipfel Eltern-Kind-Büro in Leipzig ist die Wiege der Coworking Spaces mit Kinderbetreuung. Hier hat man als erstes ausprobiert, wie es funktionieren kann, und die erste Förderung errungen.
Die Kinder werden von freiwilligen Helfern und den Eltern selbst betreut. Die Gruppe ist recht international (es wird viel Englisch und Spanisch gesprochen). Es wird zusammen gegessen und gekocht. Überhaupt machen die Coworker den Rockzipfel zu ihrem Space, indem sie mit anpacken, wo sie können. ½ Stunde Eigenleistung pro Woche (also Putzen, Helfen, Einkaufen oder Kinderbetreuung) ist Pflicht.
Dafür ist es hier möglich, ohne Aufpreis auch mal zu Übernachten und zu Duschen, Werkzeug auszuleihen oder den Konferenzraum für größere Veranstaltungen zu reservieren.
Community wird hier groß geschrieben.

 

Es ist möglich, den Beitrag durch Sach- und Dienstleistungen zu ersetzen.

 

Frankfurt

 

Co-Work & Play

 

Das Co-Work & Play hält neben dem traditionellen Coworking Space spezielle Eltern-Kind-Büros vor, in denen die Eltern an einem festen Arbeitsplatz sitzen und die Kinder in separaten und liebevoll ausgestatteten Betreuungsräumen spielen. Die Eltern sind immer noch in der Aufsichtspflicht, werden aber von den professionell ausgebildeten Flying Nannys tatkräftig unterstützt.
Das Betreuungsangebot richtet sich primär an coworkende Eltern mit Kindern im Krippenalter (6 Monate bis 3 Jahre). Zwei Drittel der Betreuungskosten können Eltern steuerlich als haushaltsnahe Dienstleistung absetzen.
Falls in eurer gewohnten Kinderbetreuung außerhalb mal was dazwischen kommt – ganz gleich ob es sich dabei um einen Kita-Streik, eine Grippewelle in der Krippe oder die Unpässlichkeit der Großeltern handelt – kann die Back-up-Betreuung durch die Flying Nannys auch von Nicht-Coworkern gebucht werden.

 

Bei so vielen Angeboten – darunter einige, die bereits jetzt unkompliziert bei Meshville buchbar sind – aus allen Winkeln der Republik sprießend, ist ein starker Trend ausmachbar. Das Interesse der Presse ist so groß wie das selbstverständliche der Eltern, als gleich unter Arbeitnehmern und Freelancern. Arbeitgeber erkennen im Coworking mit Kind die Erleichterung für ihre Mitarbeiter.

 

Text von Hannah Schmitt-Samuels.
Fotos von Alexander Dummer und alphalight1.