Auf Tour durch Hamburgs Coworking-Landschaft

 

Es ist eine Sache, ob man sich locker in der Coworking-Szene umschaut. Eine ganz andere, wenn man sich auf eine geführte Tour begibt.

 

So geschehen am 30. Mai 2017 in Hamburg. Eine Kooperation zwischen der Hamburg Kreativ Gesellschaft und dem Kompetenzzentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft.

 

Anstatt also sich alleine auf den Weg zu machen und völlig zufällig einen Einblick in die verschiedenen Spaces zu bekommen, bestand hier die Möglichkeit, als geführte Gruppe einzigartige Hintergrundinformationen und Kontakte zu erhalten.

 

Gleich 3 Touren wurden angeboten:

 

Tour 1: Das Coworking & Collaboration Einmaleins

Bei dieser Tour ging es um einen ersten Einblick in die Szene und sollte auch diejenigen ansprechen, die aktuell auf der Suche nach einem Coworking Spaces sind.

 

Anlaufpunkte:

  1. betahaus
  2. Rockzipfel
  3. Shhared

 

Tour 2: Gleich und gleich …

Coworking als Ballungszentrum branchenspezifischer Expertise und Kontakte. Bei dieser Tour ging es um thematisch fokussierte Coworking Spaces.

 

Anlaufpunkte:

  1. Karostar – Musik
  2. das formschoen – Modedesign, Nähwerkstatt, Fotostudio
  3. FilmFabrique – Film
  4. Bauer + Planer – Werkstatt

 

Tour 3: Crossing Boundaries

Bei dieser Tour wurde genauer unter die Lupe genommen, warum das Thema Coworking auch für größere Unternehmen sowie Unternehmen, die nicht aus der Kreativwirtschaft kommen, interessant ist.

 

Anlaufpunkte:

  1. beehive
  2. next media accelerator im betahaus Hamburg
  3. collabor8
  4. Places

 

Die branchenspezifische Tour 2

 

Ich selbst habe mich auf Tour 2 begeben, weil ich mir gerade bei den branchenspezifischen Coworking Spaces besonders interessante Konzepte versprochen hatte – und sollte recht behalten.

 

Musik im Karostar

Los ging es mit dem Karostar. Hier dreht sich alles um Musik. Und zwar im weitesten Sinne. Wer erwartet, lauter Musiker und Sänger anzutreffen, liegt falsch. Ein Großteil der hier Ansässigen ist eher damit beschäftigt, Musik zu managen oder zu vermarkten, statt selbst zu singen.

 

Tonstudios gibt es neben Büros und Ladenflächen aber natürlich auch. Alles komplett isoliert, sodass man eigentlich nur reinkommen und loslegen muss.

 

Überrascht hat mich, dass die Raumaufteilung so ganz anders als bei “normalen” Coworking Spaces ist. Es gibt keine Räume, in denen zusammen gesessen und gearbeitet wird. Stattdessen handelt es sich hier um eine Reihe autarke Büros, deren Nutzer sich vielleicht mal auf dem Gang oder in einem der Gemeinschaftsräume treffen können.

 

Wobei hier der Begriff “Gemeinschaftsräume” mehr verspricht, als die Realität hält. Es handelt sich um zwei praktisch kahle Räume, in denen eine Kücheninsel sowie ein Sofa stehen. Besonders gemeinschaftsbildend sind die Zimmer also eher nicht.

 

Umso erfreulicher war es, von Sofaconcerts zu hören, dass regelmäßige gemeinsame Mittagessen draußen in der Sonne stattfinden. So kann dann doch das stattfinden, wofür viele überhaupt im Karostar anheuern: Die Vernetzung untereinander.

 

Weiter ging es im Bus nach Wartenau.

 

Mode im Formschoen

Dort hatten wir die Gelegenheit, uns das Formschoen näher anzuschauen. Hier steht Mode im Fokus, und alles was irgendwie daran hängt.

 

Gleich zu Beginn wird durch die komplett andere Raumaufteilung klar: Hier finden Begegnungen in einem ganz anderen Rahmen statt.

 

Anders als beim Karostar gibt es hier nicht nur keine geschlossenen Büroräume, hier gibt es überhaupt keine Wände!

 

Stattdessen findet praktisch alles in einem großen Raum mit einer besonders hohen Decke und riesigen Fenstern statt. Auf zwei Ebenen. Auf der Galerie befinden sich ein paar Tische für Büroarbeiten.

 

Ebenfalls ohne Wände.

 

Interessanterweise sorgte gerade diese Offenheit sofort für eine rege Diskussion unter der Besuchergruppe über ein Thema, das leider viele Kreative beschäftigt: Ideenklau.

 

Wenn es keine Wände gibt, ist dann Ideenklau nicht vorprogrammiert?
Die Space-Betreiberin Sarah bestätigte denn auch, dass viele, die hier anheuern, erst einmal verunsichert sind. Jedoch: Gerade diese Offenheit ermöglicht eine besonders produktive und kreative Form der Zusammenarbeit. Einfach deshalb, weil sich verschiedene Stärken so zusammentun und etwas Einzigartiges erschaffen können.

 

Dieses Zusammentun ist Sarah wichtig, denn hier geht es um mehr als eine Räumlichkeit zum Arbeiten anzubieten: Hier geht es um ihre Vision, der Modeindustrie den Kampf anzusagen.

 

Durch Modedesigner, die durch das formschoen die Möglichkeit bekommen, z.B. eigene Labels zu gründen.

 

Und so die Modelandschaft mitsamt der nicht immer so glanzvollen Philosophie hinter der glitzernden Fassade zu verändern.

 

Film in der FilmFabrique

Der nächste Stop auf der Tour war die FilmFabrique am Oberhafen (hier auf MESHVILLE). Auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs entsteht zur Zeit ein Areal für Kultur- und Kreativwirtschaft, für das die Hafencity GmbH und die Kreativ Gesellschaft zuständig sind. Es lohnt sich, dieses Viertel im Auge zu behalten, denn was hier entsteht ist vielversprechend. Schließlich lässt das Areal viel Raum für Experimente und Entwicklung zu.

 

In einem der älteren Gebäude ist die FilmFabrique zu Hause. Ursprünglich im Gängeviertel ansässig, musste sie als Ausweichquartier wegen umfassender Sanierung hierher kommen – und ist geblieben.

 

Hier haben ca. 20 Leute ihren festen Arbeitsplatz gefunden – wobei selten alle da sind. Wer mit Film zu tun hat, und das haben alle hier, ist eben auch häufig unterwegs.

 

Auch hier liegt dem Coworking Space die Vernetzung als Basis zu Grunde. Beim Entstehen eines Filmes sind schließlich viele Gewerke beteiligt. Ohne Netzwerk geht es also nicht.

 

Community hat daher einen hohen Stellenwert. Die Nutzer sollen sich wohlfühlen. Und das merkt man.

 

Wer sich die FilmFabrique als Standort aussucht, geht hier bald ein und aus, als wäre er zu Hause. Events, die nicht nur fachliche Hintergründe haben wie etwa das Pixelist-Treffen für Motion Designer, sondern auch gemeinsame Grillabende, bei denen jeder herzlich willkommen ist, gehören einfach dazu.

 

 

Handwerk bei bauer + planer

Ähnlich ist auch die Philosophie bei bauer + planer, ebenfalls am Oberhafen gelegen. Dreh- und Angelpunkt ist das Handwerk.

 

Als Till, Alexander und Marcel vor 6 Jahren ihre erste Co-Werkstatt – damals noch in Wilhelmsburg – öffneten, war klar: Das ist ein Raum für unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichem Können. Es besteht ein enormer Wissensdurst und Austauschbedarf.

 

Schließlich will man auch mal Dinge machen, die man nicht durch seinen Beruf gelernt hat!

 

Diese Vielfalt kommt auch verschiedenen Aufträgen zugute. Auch ausgefallene Visionen können in die Realität umgesetzt werden, wenn man verschiedene Experten “griffbereit” hat, die ihren Teil dazu beisteuern können.

 

Die vielen Maschinen hier sind mit dem Laufe der Zeit zusammengekommen, als sie für Aufträge gebraucht wurden – und nun von allen genutzt werden können.

 

Besonders hervorzuheben ist, dass das Space nicht wie anderen eine Hierarchie hat. Klar, es gibt die Leute, die das Ganze gestartet haben und die Miete zahlen, aber im Grunde läuft viel der Zusammenarbeit mit den Coworkern auf einer Ebene.

 

Das macht das Ganze sehr persönlich und bringt den Netzwerkgedanken wie auch den Begriff “Coworken” auf ein neues Level.

 

Nachdem gerade dieser letzte Termin den Zeitrahmen auf Grund des wirklich interessanten Gesprächs weit gesprengt hatte, startete der zweite Teil der Verantstaltung:

 

Vortrag und Diskussion: Unternehmensgeheimnisse ein Thema

 

Verschiedene Vorträge mit anschließender Diskussion in dem wundervollen Ort der Hanseatischen Materialverwaltung.

 

Vortragende waren an diesem Abend:

 

  • Carsten Foertsch – deskmag
  • Lenneke van Rossum – seats2meet
  • Sven Taubert – Lufthansa
  • Dina Sierralta Espinoza – Coworking Connector Hamburg

Insgesamt konnten sich folgende Themen abzeichnen:

 

Coworking ist wichtig und bringt Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und Denkweisen zusammen. Dadurch entsteht Innovation. Und Deutschland braucht Innovation, um auch zukünftig nicht nur global mithalten, sondern auch Vorreiter zu sein.

 

Große Konzerne wie Lufthansa wissen das und versuchen, die Idee des Coworkens für sich umzusetzen.

 

Im Fall der Lufthansa ist dies nicht so ganz einfach. Weil bei ihnen so viele Geheimnisse geschützt werden müssen, dass es ganz normal ist, dass sogar jemand wie der Corporate Innovation Manager Sven Taubert beim Betreten und Verlassen des Geländes durchsucht wird.

 

Wo wir wieder bei dem Thema Ideenklau angelangt wären. Nur, dass es sich große Firmen nicht unbedingt leisten können, von dieser Angst Abstand zu nehmen. Es einfach um zu viel.

 

Dennoch: Die Lufthansa hat in Frankfurt ein eigenes Coworking Space errichtet, um verschiedene Abteilungen und Firmen der Luftfahrt zusammen zu bringen.

 

Aber auch, wenn große Corporates oft verstanden haben, welchen Wert die Zusammenarbeit hat, so zeichnet sich doch in Deutschland ein vergleichsweise trauriges Bild in Sachen Coworking ab.

 

Wie Carsten Foertsch mit einer Studie von deskmag feststellen musste, gibt es in Deutschland im weltweiten Vergleich wesentlich weniger Coworking Spaces, die zudem noch weniger profitabel sind und ein niedrigeres Wachstum haben.

 

Warum? Und was ist zu tun?

 

Hierüber wurde ausgiebig diskutiert.

 

Klar wurde, dass es keine einfache Lösung gibt. Aber eine Teillösung könnte sein, Selbständige in Deutschland gezielt zu stärken. Denn diese sind immer noch die Hauptzielgruppe der Coworking Spaces.

 

Nach einem spannenden und erfolgreichen Tag bleibt zu hoffen, dass dieses Event nicht das letzte dieser Art war.

 

Denn nur durch solche Veranstaltungen kommt die ganze Bandbreite an Coworking Lösungen ans Licht.

 

Letzten Endes sorgt eine solche Tour für etwas, dass den Coworking Spaces sehr bekannt sein sollte: Zusammenarbeit und Austausch.

 

Text von Hannah Schmitt-Samuels.
Eigene Fotos