Wabenbau für die FinTech Start-ups Deutschlands

Da wir dich als Leser begrüßen können, ist anzunehmen, du weißt, was ein Coworking Space ist. Du warst vielleicht auch schon einmal in einem oder bestreitest sogar den Großteil deiner Arbeits- (und warum nicht auch Frei-) Zeit hier. Wie entsteht aber ein Coworking Space, in dem du oder das Start-up von morgen sich wohl und produktiv fühlen?

 

By doing, so hat sich das Immobilienunternehmen Aurelis, das im Hauptgeschäft Bauland-, Hochbauentwicklung und Bestandsmanagenement leistet, gedacht, lernt man am besten und entwickelt gleich eine eigene Start-up Bürofläche VABN (gesprochen wie die Bienenwaben). FinTech Start-ups können ab Januar 2017 in Frankfurt-Bockenheim fleißig sein – Expertenuntersützung inklusive und in den ersten 9 Monaten sogar kostenfrei. Bewerbungen werden zwischen August und Oktober 2016 angenommen.

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Meshville hat für euch mit Prof. Dr. Elmar Schütz, Leiter Projektentwicklung Region Mitte bei Aurelis, über die Facetten des Coworking-Marktes gesprochen.

 

Elmar, hast du bereits in einem Coworking Space gearbeitet?

 

Noch nicht. Ich habe hier an unserem Unternehmenssitz in Eschborn bei Frankfurt mein Büro, ganz old-school. Hin und wieder mache ich Homeoffice oder, ein-zweimal die Woche, wenn ich auf Reisen bin, mache ich das, was geht, von unterwegs. Es ist schon vorgekommen, dass in einem Büro eines Geschäftspartners gearbeitet habe. Coworking würde ich aber gerne mal ausprobieren. Ein paar habe ich bei Veranstaltungen von innen erlebt bzw. besichtigt, z. B. das Betahaus und den Hubraum in Berlin sowie das Social Impact Lab in Frankfurt.

 

Viele Corporates senden uns als Signal, wenn ein Mitarbeiter von unterwegs vom Coworking Space arbeitet, er nicht den einen grauen Tisch gegen einen anderen grauen Tisch eintauchen und ganz bewußt mal hip und anders arbeiten möchte. Entweder mit anderen Leuten oder in einer anderen Umgebung. Steckt Coworking hauptsächlich in der Hülle? Ist es der Stil, das bisschen Coolere?

 

Das ist Strategie, weil die Corporates erkennen, dass es inspirierend wirkt. Sie erhoffen sich, dass ihre Mitarbeiter frische Ideen kriegen, wenn sie Coworking Spaces benutzen. Sie lagern auch Units aus, Innovationlabs, Digital Units und dergleichen, und verordnen denen dann einen coworkartigen Look.

 

Aber natürlich geht es um viel mehr. Coworking ist, wie der Name schon sagt, das gemeinsame Arbeiten. Zwar nicht an gemeinsamen Produkten oder Services, aber man sitzt zusammen, kann sich über die Schulter schauen und bewußt nach Synergien suchen. Die Gespräche in den Kaffeepausen geben vielleicht zusätzliche Inspiration. Das ist meines Erachtens das, was Coworking ausmacht, was der eigentliche Charm und Vorteil von Coworking ist.

 

Weil wir hier in Frankfurt beobachten, dass sich die Bankenwelt gerade verändert, wollen wir einen Space kreieren. Die FinTechs stehen am Start. Es gibt auch schon Räume für FinTechs, aber noch nicht genug und nicht adäquat. Unter anderem hat das Hessische Wirtschaftsministerium ein FinTech Zentrum ausgeschrieben, worauf wir uns auch beworben haben. Unser Hauptanliegen ist aber, selbst zu lernen, wie man Coworking Spaces einrichtet und sie betreibt. Wir haben uns entschieden, dafür ein Experiment zu starten. Das nennen wir VABN, die lautmalerische Umschreibung der Waben des Bienenstocks.

 

Auf welchem Stand ist das Projekt?

 

MESHVILLE - VABN Modell

Wir haben ein Gebäude hier in Frankfurt am Westbahnhof in der Rödelheimer Straße. Da gibt es ein 5. Obergeschoss mit 570 qm Mietfläche, die zur Zeit leer stehen. Das wollen wir nutzen. Wir wurden kräfitg beraten durch Torben, Lucie und der Gelben Gefahr (TLGG), die bekannte Agentur für digitale Transformation in Berlin, wie wir das Thema angehen. Der Vorschlag war, zwei Phasen zu bilden. Phase 1: Das Design. Wie richten wir die Räume ein?

 

Die ist gerade abgeschlossen. Zwei Hochschulen arbeiteten in einem Wettbewerb mit Studenten an dem Thema – Die Hochschule für Technik in Stuttgart (HfT Stuttgart) und die Hochschule in Mainz (HS Mainz). Wir hatten bereits eine Zwischenpräsentation Und nun liegt uns das Ergebnis mit einem sehr guten 1. Preis vor. Ein Team aus Mainz hat ein super flexibles Raumsystem entworfen und dennoch mit Material und Formelementen einen großen Gemeinschaftraum geschaffen. Mit Unterstützung des erfahrenen Architekturbüros msm meyer schmitz-morkramer mit Standorten u. a. in Frankfurt und Köln setzen wir die Ideen nun zügig um.

 

MESHVILLE - VABN Architekturwettbewerb Vorstellung     MESHVILLE - VABN Architekturwettbewerb

 

MESHVILLE - VABN Architekturwettbewerb Gewinnerteam

Parallel dazu bereiten wir eine 2. Phase vor, in der sich FinTechs und fintechnahe Start-ups um einen Platz im VABN Coworking Space bewerben können. Es wird allerdings kein klassischer, reiner open-space Raum werden. Das haben wir aus Interviews mit existierenden FinTechs gelernt. Sie brauchen auch Rückzugsräume für vertrauliche Geschäfte und Gespräche mit Banken, mit denen sie häufig kooperieren. Also wird es eine Mischung werden, aber ein großer Coworking-Anteil ist mit dabei.

 

Im November organisieren wir einen Pitch-Day, an dem FinTechs in der early Start-up-Phase sich nach einer Vorauswahl präsentieren können. Idee ist, dass sie ab Januar 2017 den Raum für mindestens 9 Monate kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen. Als Gegenleistung müssen sie sich nur von uns über die Schulter schauen lassen, damit wir mit ihnen gemeinsam lernen können, wie deren Arbeitsweise ist, wie Coworking funktioniert, in der Ausgestaltung der Räume und auch im Management.

 

Unser Projekt und deren Weg der Geschäftsmodellentwicklung passen unserer Ansicht nach gut zusammen. Die Idee bringen sie mit. Sie ist zu Hause entstanden. Aber sie brauchen Zeiten, in denen wir ihnen ein paar Sorgen abnehmen: Wo sitze ich und wie werde ich versorgt? Sie können sich dann ganz auf die Entwicklung ihres Geschäftsmodells konzentrieren. Wir planen ihnen weiterzuhelfen mit Mentorship und Sponsoring. Wir haben schon den High Tech Gründerfonds für unsere Idee begeistert. Wir werden über Amazon Webservices Cloudspeicher zur Verfügung stellen können. Der Glasfaseranschluss bringt die insgesamt 1GB Bandbreite in die Räume. Die Wirtschaftskanzlei FPS aus Frankfurt wird kostenfrei bei der Gründung beraten. Und wir sind noch auf der Suche nach ein paar weiteren Aspekten, die unterstützen könnten. U. a. sind wir am Recherchieren, wie wir Getränke oder ein gewisses Catering anbieten können. Und fast noch wichtiger – lacht – ist Unterstützung in Marketing und Finance.

 

Da geht ihr sehr viel weiter als euer bisheriges Kerngeschäft – der Vermietung – wenn nicht nur Ausstattung sondern auch noch Betrieb von euch kommt. Verlangt das der Markt?

 

Wir haben einen guten Kontakt zum Betahaus in Berlin bekommen, die uns Einblicke in das Management in ihrem Haus gewährt haben. Danach können wir für uns entscheiden, ob wir selbst dafür eine eigene Mannschaft aufbauen, oder lieber einen Kooperationspartner suchen, der den Coworking Space betreibt.

 

Wir wollen ganz bewusst prüfen, wie wir den wachsenden Anteil junger Nutzer am Immobilienmarkt für uns gewinnen können. Ich bin davon überzeugt, dass man solche Angebote machen muss, um junge Nutzer für sich zu begeistern. Das kann man nicht einfach nur outsourcen, sondern man muss sich selber Gedanken machen, ob man das mit eigenen Kräften hinbekommt, jedenfalls, was das bedeutet

 

Für uns gilt wie für unsere Mieter: Wenn ich mich nicht um die Jungen kümmere, sehe ich später alt aus. Alle brauchen ein besseres Recruitment und die Bindung junger Mitarbeiter, High Potentials und Kreativer an das jeweilige Unternehmen. Aus unserer Perspektive gesehen: Wenn unsere potentiellen Nutzer diesen Weg gehen, dann müssen wir daran anknüpfen. Das gilt für klassische Coworker, Start-up-Gründungen oder traditionelle Unternehmen, die Einheiten ausgründen, um den Flair von Coworking für sich zu erobern.

 

Der größere Leerstand in Frankfurt soll langfristig und großflächig vermarktet werden. Die Limitation ist der genau andersherum tickende Nachfragemarkt. Daraus ergibt sich die Frage, wie man diese Brücke schlagen kann.

 

Das Referendum in Großbritannien sorgt gerade für viel Aufruhr. Wann, wie und ob überhaupt die Umsetzung kommt, ist noch völlig offen. Gewinner könnten deutsche oder französishce Städte werden, wenn es zu großflächigen Firmenumzügen käme. Abwarten allein ist nicht unser Erfolgsrezept.

 

Frankfurt als klassischer Bankenstandort ist heißer Kandidat sollte es zu Abzügen aus London kommen. Gleichzeitig ändert sich auch die Welt der Banken gerade, u. a. durch die FinTechs, die das ein oder andere Geschäftsmodell angreifen. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen gänzlich disruptiv, aber zumindest stark evolutionär wenn nicht revolutionär. Die Banken sind mittlerweile hellwach und fragen sich, wie sie damit umgehen, wie sie von der Digitalisierung profitieren können und wie sie an diese jungen Menschen herankommen, die wissen, wie’s geht.

 

Wir müssen Angebote machen, damit diese Ideen bei uns verräumlicht werden können. Die Arbeit wird zwar immer flüssiger und die Frage des Raumes unbedeutender, weil wir mehr von daheim oder unterwegs arbeiten. Andererseits wissen wir, dass ein gut funktionierendes Büro ein Asset ist, weil dort der Austausch der Mitarbeiter und der Externen mit den Mitarbeitern stattfindet. Wir schaffen eine Heimat, in der dieser Austausch stattfindet.

 

Abgesehen von der Ausstattung, müsst ihr Rahmenbedingungen verändert, um Räume für die Jungen attraktiver zu machen?

 

Die Start-up-Landschaft wandelt sich stark und schnell. Geschäftsideen kommen und gehen. Wachstum findet relativ schnell statt und manchmal verschwindet ein Unternehmen schnell wieder und bricht als Mieter weg. Da kommen wir an die Grenzen der Immobilie. Wie der Name sagt, ist sie immobil, bewegt sich nicht, und ist zumindest kurzfristig auch nur schwer veränderbar. Die Immobilie mobil machen geht auf der Managementseite und bei der Vertragsgestaltung schneller als bei Konstruktion und Gestaltung. Es gibt verschiedene Ansätze:

 

Kürzere Mietlaufzeiten sind denkbar. Bei einem großen Portfolio kann man analog der versicherungswirtschaftlichen Ausfallrisiken kalkulieren und im direkten Gespräch mit den Unternehmen über Laufzeiten von lediglich 2 bis 3 Jahren nachdenken. Aber wahrscheinlich wird es noch spannender. Eine extreme Lösung ist beispielsweise die Factory in Berlin. Man kauft man sich über Beiträge in einen Club ein und bekommt universelle Zugangsrechte. Die Coworking Spaces liegen irgendwo dazwischen, in dem sie pro Kopf und/oder Schreibtisch Gebühren verlangen. Wir denken darüber nach, welche von diesen Modellen für uns passen, vielleicht in einer Mischung. Eine meiner Thesen ist, dass sich Büros immer mehr zur Betreiberimmobilie entwickeln.

 

Teile der Administration würden Buchungs- und Abrechnungssysteme wie Meshville übernehmen, so dass wir uns auf die Kundenbedürfnisse konzentrieren können wie Ausstattung, Wohlfühlaspekte, Organisation des Tagesablaufs oder begleitende Veranstaltungsprogramme.

 

Welche Unterschiede im Ablauf weist das Coworking Space zum klassischen Büro auf?

 

Der Zugang muss gestaltet werden, zum Beispiel für die Abwicklung von Tagesgästen bei den offenen Spaces. Hier ist das VABN anders, da es zunächst ausschließlich Festmieter hat. Das ist wieder eine Betreiberfrage. Zukünftig kann man diese vielleicht rein elektronisch lösen, in dem man sich online einbucht und einen Check-in Code bekommt. Das könnte auch über Meshville geleistet werden.

 

Lieferverkehr und Postservice ist ein weiteres Thema. Erfahrungsgemäß geben viele Nutzer den Coworking Space als ihre Geschäftsanschrift an. Dann kommen 250 Pakete pro Woche an und die müssen gelagert werden. Daher muss Stauraum am besten direkt beim Tresen vorgesehen werden. Da steckt eine Menge Management drin, was sich gleichzeitig im Raum ausdrückt.

 

Bei den Nebenkosten kann ich mir vorstellen, um es unkompliziert zu halten, mit einem kalkulierten Mittel, einer Art Flatrate, zu arbeitet. Das ist ein interessanter, positiver Aspekt des Coworkers im Gegensatz zum klassischen Mieter, der Anrecht auf eine detaillierte Nebenkostenabrechnung hat.

 

So werden wir noch viele Erkenntnisse im Laufe unseres Experiments erlangen und lernen, wie man eine Immobilie kreieren muss, damit ein Coworker und/oder ein Start-up Spaß und Erfolg darin haben.

 

Wir sind sehr gespannt, wie sie aussehen wird und wer eure Mieter werden. Danke für das Gespräch, Elmar. Liebe Leser, nehmt das zum Aufruf:

 

Du und dein bisher kleines Team starten gerade so richtig mit euer Idee zur Finanztechnologie durch? In Frankfurt seid ihr bereits ansäßig oder möchtet ab 2017 Mainluft riechen. Dann schreibt VABN und erhaltet alle Details zu eurer Bewerbung. Dies könnte euer Büro werden.

 

MESHVILLE - VABN Planung

MESHVILLE - VABN Gebäudeplan

Fotos von VABN by Aurelis. Vervielfältigung mit Kennzeichnung gestattet.